WCAG 2.2 vs. BFSG vs. BITV 2.0 — Die Unterschiede erklärt

Stand: April 2026 · Lesezeit: 5 Minuten

WCAG, BFSG, BITV, EN 301 549, EAA — die Welt der Barrierefreiheitsstandards kann verwirrend sein. Dieser Artikel erklärt die Unterschiede und zeigt, was für Ihr Unternehmen relevant ist.

WCAG 2.2 — Der internationale Standard

Die Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) sind der weltweite Maßstab für Web-Barrierefreiheit. Sie werden vom W3C (World Wide Web Consortium) entwickelt und definieren drei Konformitätsstufen:

WCAG 2.2 (veröffentlicht Oktober 2023) ist die aktuelle Version mit 13 Richtlinien und 87 Erfolgskriterien.

BFSG — Das deutsche Gesetz

Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz ist die deutsche Umsetzung des European Accessibility Act (EAA). Es verweist nicht direkt auf die WCAG, sondern auf die europäische Norm EN 301 549, die ihrerseits auf WCAG 2.1 Level AA basiert. In der Praxis bedeutet das: Wer WCAG 2.2 Level AA erfüllt, erfüllt auch die technischen Anforderungen des BFSG.

BITV 2.0 — Die deutsche Verordnung

Die Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung (BITV) gilt seit 2002 für öffentliche Stellen in Deutschland. Sie basiert ebenfalls auf der EN 301 549. Der BITV-Test ist ein 92-Schritte-Prüfverfahren, das als Goldstandard für Barrierefreiheitstests gilt.

EN 301 549 — Die EU-Norm

Die europäische Norm EN 301 549 ist der technische Referenzstandard, auf den sowohl das BFSG als auch die BITV 2.0 verweisen. Sie enthält die WCAG-Kriterien plus zusätzliche Anforderungen für Software, Dokumente und Hardware.

Was bedeutet das für Sie?

Für die meisten Unternehmen gilt: Erfüllen Sie WCAG 2.2 Level AA, und Sie sind auf der sicheren Seite. BFSGuard prüft Ihre Website genau nach diesem Standard und zeigt Ihnen, wo Handlungsbedarf besteht.

Zusammenfassung

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Die drei Normen im Schichtmodell

Um den Zusammenhang sauber zu verstehen, hilft ein Schichten-Modell: WCAG ist die Technik, EN 301 549 ist die Norm, BFSG/BITV sind die Gesetze. Konkret: WCAG 2.2 Level AA ist das vom W3C herausgegebene technische Regelwerk mit 50 Erfolgskriterien. EN 301 549 ist die europäische harmonisierte Norm, die WCAG-Anforderungen für IT-Beschaffung formal verbindlich macht. Das BFSG (privat) und die BITV 2.0 (öffentlich) sind die in deutschem Recht verankerten Gesetze, die EN 301 549 zitieren.

Geltungsbereich — wer fällt unter was

NormAdressatenSanktion bei Verstoß
WCAG 2.2 AAfreiwillig / technische Referenzkeine direkt — Grundlage anderer Normen
EN 301 549 V3.2.1öffentliche Beschaffung (alle EU-Behörden)Vergabe-Ausschluss
BITV 2.0Bundes-/Landesbehörden, kommunale StellenSchlichtungsverfahren (§ 16 BGG)
BFSGprivatwirtschaftliche B2C-Anbieter ab 10 MA oder 2 Mio. €Bußgeld bis 100.000 € pro Verstoß (§ 28)

Anforderungen im Detail — was ändert sich konkret

WCAG 2.2 AA hat 50 Erfolgskriterien in 4 Prinzipien (wahrnehmbar, bedienbar, verständlich, robust). EN 301 549 übernimmt diese und ergänzt um IKT-spezifische Anforderungen wie Tastatur-Hardware-Unterstützung. Das BFSG zitiert EN 301 549 in § 3 BFSGV als verbindliche Norm — heißt: wer BFSG-konform sein will, muss WCAG 2.2 AA erfüllen.

WCAG 2.2 brachte 9 neue Kriterien gegenüber WCAG 2.1: u. a. SC 2.4.11 (sichtbarer Fokus-Indikator nicht von anderen Elementen verdeckt), SC 2.4.13 (Focus appearance, AAA), SC 2.5.7 (Drag-Bewegungen alternativbar), SC 2.5.8 (Mindestgröße von Klick-Zielen 24×24 px), SC 3.2.6 (konsistente Hilfe), SC 3.3.7 (redundante Eingabe), SC 3.3.8 (Accessible Authentication). Diese 9 sind Pflicht.

Was BITV 2.0 darüber hinaus fordert

Die Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung bindet nur deutsche Behörden, fordert aber zusätzlich „Leichte Sprache" für Schlüsselinformationen und Gebärdensprachvideos bei zentralen Inhalten — beides keine WCAG-Anforderungen. Für private Anbieter unter dem BFSG gibt es diese Pflicht nicht, aber Behörden-Lieferanten erfüllen oft beides parallel.

Praktische Konsequenzen für Ihre Website

Häufige Missverständnisse

»BITV gilt doch für alle, oder?«

Nein — BITV 2.0 bindet ausschließlich Bundes-/Landesbehörden, nicht Private. Für Private gilt das BFSG.

»Reicht WCAG 2.0 AA für das BFSG?«

Nein — EN 301 549 V3.2.1 verweist explizit auf WCAG 2.1. WCAG 2.2 wird mit dem nächsten Norm-Update verbindlich (geplant 2025/26). Praktisch gilt: WCAG 2.2 AA jetzt umsetzen, dann sind Sie auf Jahre auf der sicheren Seite.

»Brauche ich AAA-Konformität?«

Nein. WCAG und BFSG verlangen AA, nicht AAA. AAA hat unrealistisch strenge Anforderungen (z. B. Kontrast 7:1, Gebärdensprache für jedes Video) und ist normalerweise nicht durchgängig erreichbar.

Quellen & weiterführende Lektüre